Eine Kurzgeschichte aus Hawaii – Teil 2

„Iiiiiihh, der krabbelt immer wieder auf mein Handtuch!“, quietschte Josephine und schnipste den kleinen Krebs von ihrem bunt-gestreiften Badetuch. Der ließ sich aber nicht so leicht abwimmeln und versuchte es erneut.
„Es reicht Gino!“, grummelte sie und verfrachtete den kleinen Kerl in eine Sandmulde neben ihrem Handtuch, anschließend streute sie Sand drüber und legte ihren Flip-Flop als großen Abschluss auf den Sandhaufen.
„Gino?“, fragte ich nur mit hochgezogener Augenbraue und fing an zu lachen.
„Du weißt, wenn ich sauer bin, muss ich die Sachen beim Namen nennen!“, entgegnete Josephine kühl und machte es sich wieder auf ihrem Platz gemütlich.
„Mhm, ja. Ich glaube aber, dem hast du echt den Kopf verdreht“, sagte ich lächelnd und beobachtete, wie sich der Flip-Flop langsam nach oben bewegte und leicht zur Seite rutschte. Gino war wieder da.
„Das kann doch nicht wahr sein. Wie kann so ein kleines Tier so eine Kraft haben?“, antwortete Josephine wütend und schnipste ihn wiederholt von ihrem Tuch. Der Arme flog mindestens einen Meter weit.
„Sei nicht so böse, Josi!“ Ich bekam langsam Mitleid mit dem hart arbeitenden Kerl, immerhin hat er heute schon einiges mitmachen müssen – bestimmt drei Schnipse. Josi verdrehte nur gelangweilt die Augen und begann, ihr Handtuch auszuschütteln. Fragend sah ich sie an.
„Ich bekomme langsam Hunger und außerdem will ich Gino nicht mehr sehen“, sagte sie und setzte ihre Sonnenbrille auf. Widerwillig tat ich es ihr nach und packte mein Badezeug in die Strandtasche. Währenddessen streifte mein Blick über Waikiki Beach. Eine Surferin brachte das Board zurück zu ihrem Trainer. Dieser hatte seine langen schwarzen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden und nahm grinsend das Surfbrett entgegen. Die junge Frau hatte nicht mehr das strahlende Lächeln vom Beginn der Surfstunde.
„Die sieht gar nicht mehr happy aus!“, entfuhr es mir.
„Jap, die hat es ja auch bei jeder Welle vom Brett gehauen“, sagte Josi und blickte ebenfalls Richtung Surfkabine.
„Lass uns gehen. Ich will mir unbedingt was von dem gegrillten Fisch am Fischstand holen!“, feuerte sie mich an und als ich an den frisch gegrillten Fisch dachte, begann auch mein Magen zu knurren. Nichts wie los.

Wir hatten den leckeren Fisch verspeist und uns ins Hotelzimmer zurückgezogen. Für heute stand noch einiges auf dem Plan: ein Ausflug zum Polynesian Culture Center und ein Spaziergang zur Aliiolani Hale.
„Der Vibe hier ist so unfassbar“, sagte Josi, als wir zur Aliiolani Hale spazierten. Ich wusste genau, was sie meinte. Alles war so unglaublich friedlich. Trotz der vielen Autos und Touristen konnte man das besondere Flair, das Hawaii umhüllte, wirklich spüren. An der Aliiolani Hale angekommen, freute ich mich wie ein kleines Kind an Weihnachten. Schon wieder. Mir kam unweigerlich ein Gedanke: ‚Warum wird man eigentlich meistens mit einem Kind verglichen, wenn man sich richtig freut?‘
Diesen Gedanken notierte ich mir gleich mal – darüber sollte ich einen Blogartikel schreiben. Dann zückte ich meine Kamera und fing fleißig an, die Aliiolani Hale zu fotografieren. Sie stellte das Hauptquartier in der Serie Hawaii Five-0 dar, eine meiner liebsten Serien. Die Freude hielt leider nicht lange an, die Serie schien einige Fans an den Ort zu ziehen. Keine fünf Minuten nach meinem ersten Bild wurde ich grob zu Seite geschoben oder eine Touristin posierte vor meinem Gebilde, das ich fotografieren wollte. Es war zwecklos. Josi hatte sich in der Zwischenzeit abseits von dem Trubel auf eine Bank gesetzt. Sie konnte Massentreffen überhaupt nicht abhaben. Ich gesellte mich zu ihr und schlug vor, dass wir doch direkt zum Bus Richtung Polynesian Culture Center fahren sollten.

Das Polynesian Culture Center präsentierte die verschiedenen Kulturen der polynesischen Inseln. Es war wie ein großer Freizeitpark der Geschichte, in der man die verschiedenen Kulturen miterleben kann. Im hawaiianischen Teil konnten wir traditionelle Tänze lernen, bei den Maori kulturelle Kampftänze beobachten oder den Inselbewohnern von Samoa beim Kochen zusehen. Und noch vieles mehr.
Uns verschlug es vor lauter Bewunderung wie immer die Sprache. Die Kulturen wurden so stolz und prachtvoll präsentiert. Jeder Schauspieler hatte die Wurzeln im jeweiligen Land und verkörperte die Traditionen und Geschichten so authentisch und mit voller Leidenschaft, was uns unheimlich beeindruckte. Wir blieben bei der Fiji-Insel hängen und nahmen an einem Musik-Workshop teil. Mit einem derua, ein langes Blasinstrument aus Bambus, erzeugten wir tiefe und laute Töne und versuchten im Groove mitzuhalten.
Dieser Tag war für uns beide ein großartiges Erlebnis, über das wir noch viele Tage nachdenken mussten: die vielen Kulturen, die verschiedenen Menschen und der berühmte „Respekt vor der Erde“, der gerade auch in Hawaii über allem steht.

Am folgenden Tag stand ein Ausflug zu eine Macadamia Farm an. Ein netter junger Mann namens Koa aus Laniakea, eines der bekanntesten Surfer-Hotspots auf Oahu, führte uns mit interessanten Fakten und Geschichten über die Farm. Hier und da durften wir die Nüsse auch probieren und ich gönnte mir direkt mal eine ganze Packung Macadamianüsse mit Honig-Glasur. Es war einfach zu gut! Als wir eine Pause einlegten, erzählte Koa uns von seiner Schwester, die einen Hai-Unfall hatte.
Koa und seine Schwester surften, seit sie kleine Kinder waren. Das Meer war für sie wie ein zweites Zuhause. Ein Tigerhai hatte die 16-Jährige vor einem halben Jahr angegriffen. Glücklicherweise endete der Angriff nicht lebensbedrohlich. Mir verschlug es die Sprache. Koa sprach mit vollem Stolz davon, dass seine junge Schwester sich morgen wieder auf das Surfbrett wagen wollte.
„Das könnte ich nicht. Ich hätte Schock und Angst ein Leben lang“, erwiderte ich mit vollem Respekt. Diese junge Dame musste wirklich mutig sein. Koa blickte mich verwirrt an und sagte:
„Malia, für uns ist es keine Option, nicht mehr zu surfen. Das Meer ist unser Freund, nicht unser Feind. Was die Haie tun, ist nur natürlich und der Natur kann man nicht entgehen.“
Mir fehlten die Worte. Auf diese Sätze konnte ich nichts antworten. Stattdessen bekam ich eine Gänsehaut, was mich noch heute einholt, wenn ich an Hawaii denke. Die tiefe Verbundenheit zum Meer und zur Natur hat mich stark berührt und ist in Hawaii einmalig.

Wenn so etwas wie Perfektion tatsächlich existiert, dann hatte ich es in diesen Tagen auf Hawaii erfahren.

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