Eine Kurzgeschichte aus Hawaii – Teil 1

Hast du schon einmal von einem Platz geträumt, bei dem das Friedvolle geradezu spürbar ist? Ein Ort, der dir das Gefühl gibt, dass nichts Böses existiert und Nächstenliebe kein Fremdwort ist? 

So ging es mir, als ich aus meinem Flugzeug in Honolulu stieg. Zusammen mit meiner Freundin Josephine habe ich mir meinen Traum ermöglicht und ein Ticket nach Hawaii gekauft. Kaum waren wir in der Ankunftshalle ausgestiegen, hörten wir leise hawaiianische Musiktöne. Meine innere Anspannung und das gestresste Gefühl ließ nach, das man ungefähr immer fühlt, wenn man von einer Halle in die nächste hetzt, um zur Kofferabgabe zu gelangen, zum Check-in oder zum Boarding Point. Wie ich auch immer, als wir dort ankamen, war mein Stresslevel sofort gesunken und wir rollten fröhlich unsere Koffer Richtung ‚Ausgang‘.
„May I give you a Lei?”, fragte ein Blumenverkäufer und hielt uns eine Blumenkette vor die Nase. Ich kannte so eine ähnliche Kette schon aus Deutschland. So was bekam man bei schlechten Spielen geschenkt oder hängte sich an Fasching um den Hals, damit man als „verkleidet“ durchkam. Diese Kette allerdings duftete intensiv und hatte vollere Blüten. Kein Wunder, die Kette war nämlich im Gegensatz zu den Exemplaren in Deutschland aus echten Blumen. Der Duft hatte uns überredet und wir holten unsere Geldbeutel raus, um dem Herren zwei Ketten abzukaufen. Der schüttelte nur den Kopf und legte uns vorsichtig die Lei um den Hals und wollte dafür keinen Cent. Das war der Zeitpunkt, an dem ich merkte, dass ich auf einer ganz besonderen Insel angekommen war. Mit einem Taxi gelangten wir zu unserm Hotel und bezogen erst mal unser Zimmer. 
„Puh, ich bin richtig fertig vom Flug und hab total Kopfweh“, stöhnte Josephine und ließ sich rücklings aufs Bett fallen. „Ok. Vorschlag. Schlaf eine Runde und dann erkunden wir die Insel. Ja?“, schlug ich ihr vor. „Alrighty. Und was hast du währenddessen vor?“, fragte sie und zog sich bereits die Decke bis zum Kinn.
„Ich erkunde schon mal die Gegend um unser Hotel.“
„Ok, sag mir dann, ob ich was verpasst habe.“
„Das mach ich“, antwortete ich und schnappte mir meine Handtasche. 

Draußen war die Luft teilweise sehr stickig. Es war Ende September und die Regenzeit in Hawaii sollte bald starten. Das merkte man auch. Hier und da gab es mal einen warmen Platzregen und danach kam direkt wieder die Sonne hinter den Wolken hervor. Ich machte mich also auf den Weg und kam nicht sehr weit. Gegenüber von unserem Hotel lag ein großes Kaufhaus. Und ja, ich liebe neue Kleidung, Schuhe und Handtaschen, aber das war tatsächlich nicht das, was mich dazu bewegte, das Kaufhaus zu besuchen. Es war die beruhigende Musik, die ich schon am Flughafen wahrgenommen hatte. Als ich das Kaufhaus betrat, kam mir eine lächelnde und sehr hübsche junge Hawaiianerin entgegen. Sie begrüßte mich herzlich und gab mir eine Informationskarte für das Kaufhaus. Dankend ging ich weiter, die ruhige hawaiianische Musik tönte sanft in meinen Ohren. Es war so berauschend! Dieser Klang zwang einen gerade dazu, herunter zu kommen und einfach mal den Moment zu genießen. Ein paar Meter weiter, entdeckte ich auch, woher der Sound kam. Eine Gruppe Hula Tänzerinnen tanzten zu der Melodie ihre traditionellen Tänze. Ruhig und gleichmäßig schwangen sie ihre Hüften und lächelten dabei, als wären sie die glücklichsten Menschen der Welt. Wow! Ich konnte mich von diesem Spektakel gar nicht losreißen und hatte keine Ahnung, wie lange ich einfach so dastand (wahrscheinlich mit offenem Mund). Bis ich auf die Uhr blickte und erschrak. Es war schon 15:00 Uhr. Josephine musste sich bestimmt schon Sorgen machen. Also kehrte ich schnurstracks wieder ins Hotelzimmer zurück. Wie erwartet, war Josephine bereits wach und fertig geschminkt. 
„Wo warst du denn? Und warum strahlst du so?“, fragte Josephine mit einem Grinsen und befreite ihr Haar aus dem Handtuchturban.
„Ich war in dem Einkaufszentrum gegenüber und habe einen Hula Tanz gesehen. Das hat mich unheimlich fasziniert und die Musik macht so glücklich“, erzählte ich ihr fröhlich. 
„Na, das klingt ja fantastisch und pass auf, es wird noch besser: Ich habe gerade gegoogelt und rausgefunden, dass es eine Cheesecake Factory hier ganz in der Nähe gibt!“, redete Josephine aufgeregt, während sie ihre Haare mit einer Bürste entwirrte. So oft hatten wir beide in amerikanischen Filmen und Serien diese Cheesecake Factory gesehen und wollten schon immer mal so einen Cheesecake probieren. Mein erster Tag in Hawaii konnte kaum besser werden. 

Natürlich machten wir uns sogleich auf den Weg zur Cheesecake Factory, die Umgebungserkundung musste warten. Wie kleine Kinder an Weihnachten vor dem Christbaum, strahlten wir den Eingang der Cheesecake Factory an, bevor wir hineinstürmten. Nun ja, besser gesagt, bevor wir uns anstellen mussten. Natürlich war die Cheesecake Factory bis auf den letzten Stuhl besetzt und wir mussten 45 Minuten auf einen Tisch warten. Endlich bekamen wir einen Platz zugeteilt. Einen Kuchen hatten wir uns schon ausgesucht. Schließlich hatten wir 45 Minuten Zeit, uns die verschiedenen Sorten in der Theke anzusehen. Neben uns am Tisch saß ein braun gebrannter junger Kerl, er hatte seine Sonnenbrille auf seinen Hinterkopf gesetzt. Amüsiert unterhielt er sich mit einem Mädchen und dessen Vater. Sie sah sehr europäisch aus, während der junge Kerl eindeutig aus Hawaii stammte. Meine Vermutung wurde bestätigt, als sie sich ca. eine halbe Stunde später an unseren Tisch setzten. Ich hatte das Mädchen auf der Toilette getroffen und mich zufällig mit ihr unterhalten, sie stammte auch aus Deutschland. So kam eines zum anderen und wir lernten Luisa und ihren Freund, den Hawaiianer Ano kennen. Luisa studierte in Honolulu und lernte dort Ano kennen. Luisas Vater kam zu Besuch und traf an diesem Tag das erste Mal den Freund seiner Tochter. 
Wir hatten also unser persönliches Reiseführer- Pärchen kennengelernt: Ano und Luisa. Mit ihren Rollern machten die beiden am nächsten Tag einen kurzen Inselausflug mit uns. In der Nähe von Chinaman´s Hat stiegen wir kurz von unseren Rollern, damit Ano uns über den Namen aufklären konnte:Chinaman´s Hat ist eine kleine Insel am nordischen Ende von Kaneohe Bay. Die Hawaiianer erzählen sich, dass dort ein großer chinesischer Mann im Wasser sitzt und nur sein Hut über der Wasseroberfläche sichtbar ist. Die Insel selbst sei ein Traum. Nur Strände und Palmen, nichts anderes.“
Vorbei an einer atemberaubenden Aussicht mit vielen Palmen, Meer und sogar Schildkröten am Laniakea Beach, endete unsere erste Tour am Arizona Memorial. Hier verließen uns die beiden, sie trafen sich noch mal mit Armin, Luisas Dad, bevor er morgen abreisen würde. Josephine und ich entschieden uns jedoch, dieses Memorial genauer anzusehen. Wenn wir schon mal da waren, wollten wir nichts auslassen. Das Arizona Memorial liegt am Pearl Harbor und soll vor allem an die Seeleute erinnern, die zu Beginn des Zweiten Weltkrieges mit der USS Arizona untergegangen waren. Schon am Eingang wurden wir von Soldaten in Augenschein genommen und mussten all unsere Sachen abgeben, um das Gelände zu betreten. Es herrschte eine unangenehme Stimmung. Man merkte sofort, wie schlimm die Erinnerung daran sein musste. Japanische Bomber attackierten 1941 Pearl Harbor und lösten somit aus, dass USA in den Zweiten Weltkrieg eintrat. Emotional wurden die Geschichten von Überlebenden in Videos erzählt und Schautafeln zeigten Bilder von diesem grausamen Tag. Uns lief es eiskalt den Rücken herunter. 
„Mir reicht es jetzt“, sagte Josephine und wir machten uns auf den Heimweg. Die schrecklichen Geschichten, die wir soeben gelesen und auch ein bisschen gesehen hatten, trübten unsere Atmosphäre. Ich versuchte, die Stimmung zu heben.
„Lass uns doch auf den Markt gehen, da gibt es bestimmt was Leckeres zu essen.“

Josephine stimmte mir zu und wir schlenderten zum Markt, der in der Nähe zu unserem Hotel aufgebaut war. Die Verkäufer strahlten uns an und wir blieben schließlich an einem Essensstand stehen. Dort gab es frittierte Krabbenbällchen, Reis und andere verschieden Köstlichkeiten aus Fisch. Wir gönnten uns beide eine gemischte Box und zückten unsere Kreditkarte. Der lächelnde Mann schüttelte den Kopf und sagte: „Cash only.“ 
Ich starrte Josephine geschockt an und sie blickte überrascht zurück. Langsam schüttelte sie den Kopf. Wir hatten beide kein Cash dabei. Der Mann verstand es sofort und winkte lächelnd ab. Er sagte noch freundlich, dass wir das Geld einfach die Tage vorbeibringen sollten. Er sei jeden Abend hier. 
Oh mein Gott, was für ein netter Mensch! Er hatte so ein Vertrauen in uns und war überhaupt nicht böse. Wir bedankten uns vielmals und gingen zurück zum Hotel. Ich war überwältigt von der Freundlichkeit und dem Vertrauen, dass wir ihm das Geld nachträglich noch vorbei bringen würden. Und was für eine innere Zufriedenheit diese Menschen nur haben mussten, sie lächelten ständig!

Seither nenne ich Hawaii auch: die Insel der glücklichen Menschen.

——————— Fortsetzung folgt ———————————————————–

XO Maria

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