Kurzgeschichten aus Vietnam

Kulturschock, Abenteuer, Spaß und Erfahrungen. Das sind so die 4 Wörter, die meine Vietnamreise kurz und knapp beschreiben. Wenn ihr meinen vorherigen Eintrag gelesen habt wisst ihr, dass ich unbedingt mal das Freisein erleben wollte. Frei von Verpflichungen, Terminen oder sonstigen Alltäglichen. Glücklicherweise habe ich von diesen zwei Abenteuerwochen so viel mehr mitgenommen, als nur das Gefühl der Freiheit.

Anstatt hier einen typischen Reiseblogeintrag über Tipps, Tricks und Reiseempfehlungen zu schreiben, habe ich mich für die kreativere Variante entschieden. Lest selbst…

 

Kapitel 1: Ho Chi Minh City/ Saigon

„Wir können nicht einfach in irgendein Auto steigen, welches sich als Taxi ausgibt!“, sagte ich zu meiner Freundin Alisa. „Achwas, ich habe das Schild um seinen Hals gecheckt. Das wird schon ein seriöses Taxiunternehmen sein“, antwortete sie, als wir einem hektischen Vietnamesen zu seinem Auto folgten. Wir liefen an den Taxis vorbei zu einem Parkplatz. Wären uns nicht mehrere Touristen gefolgt, die ebenfalls in einen schwarzen Van auf einem dunklen Parkplatz einstiegen, hätte ich sicher starke Panik bekommen. Momentan hielt sich mein Paniklevel auf Stufe 3 von 6.

Der Vietnamese nahm uns unsere Backpacks ab und verstaute sie im Kofferraum, während wir uns auf die Rückbank setzten. Wie wir es aus Deutschland kannten, griffen wir nach den Anschnallgurten. Wir fassten ins Leere, es gab keine. So wie unser Fahrer das Auto gestartet hatte, fragte er uns mit Händen und Füßen (Sein Englisch reichte nicht mal für ein „Do you have…“), ob wir Kleingeld für die Autoschranke dabeihätten. Leider mussten wir verneinen, da wir gerade erst gelandet waren und nur große Scheine bei uns hatten. Abrupt bremste er ab und riss unsere Tür auf. Drei weitere Vietnamesen waren dazu gestoßen. Nervös machten sie uns klar, dass wir aussteigen sollten. Wir wussten nicht was los war und verließen völlig verwirrt das Taxi, während ein anderer Vietnamese uns die Tür eines anderen Taxis aufhielt und wieder ein anderer uns klarmachte, dass wir einsteigen sollten. Wir hatten keine Wahl. Verwirrt stiegen wir ein und mein Paniklevel erreichte Stufe 5. Die Fahrt konnte ich nicht genießen. Ganz im Gegenteil: Die kitschigen, grellen Lichter wirkten auf einmal sehr bedrohlich. Als dann auch noch kurz vor einer Ausfahrt der Fahrer unseres Vans gewechselt wurde, stieg mein Paniklevel auf den Höchststand. In diesem Moment war ich mir sicher, dass wir die falsche Entscheidung getroffen hatten und sicher in falsche Hände geraten waren. Der Van stoppte und der Fahrer stieg aus, um den Kofferraum zu öffnen. Er stellte die Backpacks auf die Straße und streckte uns die Hand entgegen. Wir gaben ihm das Geld und ohne ein Wort machte er sich davon. Mein Herz klopfte wie wild. Ich blickte zu Alisa. Auch sie sah mich fassungslos an. „Was um alles in der Welt war das denn? Ich dachte echt, wir würden entführt werden.“ Sagte sie und begann im nächsten Moment an zu lachen. „Wir dürfen nächstes Mal nicht mehr so naiv sein!“, murmelte ich immer noch sichtlich schockiert und ohne zu wissen, dass dies in Vietnam oft Standard war.

Als wir unser Hostel entdeckten war ich so erleichtert, dass ich hätte weinen können. Ich konnte Ho Chi Minh vom ersten Tag an nicht leiden. Als ich dann das Bad in unserem Hostel sah, hätte ich sofort wieder weinen können. Nicht vor Erleichterung, sondern vor Ekel. „Ich war schon in viel schlimmeren Hostels als Backpacker in Neuseeland“, sagte Alisa mit einem Schulterzucken. „Ja. Aber ich war noch nie als Backpacker unterwegs, geschweige denn in Asien.“
Ich ging zurück ins Zimmer. Verzweifelt schaute ich meinen Rucksack an, dann das Zimmer und wieder meinen Rucksack. Wo soll ich nur anfangen? Meine Gedanken schienen nicht mehr klar zu sein. Ich nahm mein Buch aus dem Handgepäck und sperrte meine Wertsachen weg. Dann stieg ich auf einer Art „Hühnerleiter“ zu meiner Schlafstätte. Wir waren in einem 6er Frauenzimmer mit drei Stockbetten. Oben angekommen breitete ich meinen Schlafsack aus und begann zu lesen. „Lieber Gott, bitte lass das besser werden“, dachte ich mir noch, dann fielen mir die Augen zu.

„Meine Chefin riet mir, wir sollen einfach loslaufen!“, meinte Alisa entschieden und machte einen Schritt auf die Straße zu.
„Oh Gott. Wir werden sicher überfahren!“, erwiderte ich verzweifelt. Der zweite Tag ging direkt so frustrierend weiter, wie der vorherige endete.
„Jetzt komm schon“, motivierte sie mich und lief einfach los. Die Rollerfahrer ignorierten den Zebrastreifen, fuhren um Alisa herum. Ein Auto kam angerast, hupte laut und kurvte knapp an ihren Fersen vorbei. Noch mehr Roller und noch mehr. Ganze Familien saßen auf kleinen Rollern und hupten. Rote Ampeln wurden ignoriert und Einbahnstraßen hatten das Schild nur zur Dekoration. Viele Regeln gab es hier nicht. Einfach loslaufen und einfach losfahren, das war die einzige Regel, die es gab und beachtet wurde. Nach einigen Minuten hatten wir die Straße ohne einen Kratzer überquert. Wir liefen an Streetfood-Ständen vorbei, die stanken so sehr, dass mir schlecht wurde. Arme Leute versuchten uns Sachen anzudrehen und Menschen auf kleinen Plastikstühlen schauten uns mit böser Miene an. Ich fühlte mich hier so Nicht-Willkommen wie noch nie in meinem Leben.
„Lass uns den Markt mal anschauen, der soll toll sein!“, sagte Alisa und lief schnurstracks auf die nächste Kreuzung zu. „Wie soll ich die zwei Wochen nur überleben?“, fragte eine Stimme in meinem Kopf. „Ich weiß es nicht“, antwortete ich leise zu mir selbst.

Endlich erreichten wir unversehrt den Markt. Durch die Straßen von Ho Chi Minh zu laufen war schlimmer und nervenraubender als jede Prüfung am Ende vom Semester. Ich hatte das Gefühl, dass ich vor lauter Gestank und Smog nicht mehr atmen konnte. Meine Ohren waren taub vom ständigen Gehupe. Aber immerhin hatten wir schon etwas über das Straßengeschehen in Vietnam lernen können. Es wird immer Gehupt, um zu sagen: „Achtung, ich komme von hinten. Bitte nicht schwanken.“ Oder „Achtung, ich überquere die Straße trotz Fußgänger.“ Ebenso bei: „Achtung, ich bremse nicht ab. Lasst mich einfach durch und geht mir aus dem Weg.“
Der Markt war genauso enttäuschend, wie das was wir bisher gesehen hatten. Es stank, man konnte kaum durchlaufen. Menschen wollten einem ständig was andrehen. Als wir die Reise nach Vietnam buchten war uns bewusst, dass die Standards dort ganz anders sein würden. Dennoch waren wir beide, vor allem ich, enttäuscht. Bis jetzt. Die Stadt Saigon wurde uns von vielen Menschen empfohlen, dennoch konnte ich das Schöne daran nicht erkennen.

 

„Wir müssen echt raus aus dieser Stadt“, sagte Alisa am dritten Tag unserer Reise.
„Oh ja.“ Ich schaute abwesend aus dem Fenster. Draußen posierte eine Vietnamesin mitten auf der Straße in einem glamourösen Blumenkleid. Die Autos und Roller fuhren um sie herum, während ihr Iphone-Fotograf leidenschaftlich Bilder schoss. In unserem Urlaub trafen wir mehrere solche Paare, weshalb wir uns später einen netten Kosenamen überlegten: „Insta-Husband“.
Wir hatten uns in einem schönen Café (ich konnte nicht fassen, dass wir ein schönes Café gefunden hatten) niedergelassen und erst einmal ein Glas Wein bestellt.
„Wie hieß nochmal die Insel, die du mal erwähnt hattest?“, fragte Alisa mit Blick aufs Handy, sie suchte bereits neue Orte. Ich riss mich von dem Spektakel los und nahm noch einen Schluck Wein, bevor ich antwortete: „Phu Quoc“.
„Na dann, ab nach Phu Quoc! Ich habe einen günstigen Flug!“, verkündete sie mir erfreut.
Es lebe das Backpacker- Leben. Da wir uns entschlossen hatten nur das erste Hostel von Deutschland aus zu buchen, konnten wir unsere Reise kurzfristig umgestalten, wie wir wollten.

Angeheitert, nicht nur vom Wein auch von dem Gedanken an Strand und Meer, verließen wir das Café und begaben uns wieder auf die heißen und stickigen Straßen. Voller Elan kauften wir uns einen vietnamesischen Hut und durchquerten einige Viertel bis wir in einem der besseren Plätze ankamen. Ich konnte es nicht glauben. Ein schönes Viertel mitten in Ho Chi Minh! Mein Tag war gerettet. Wir suchten uns ein leckeres Restaurant aus und gönnten uns erstmal eine Pizza.
„Und was sagt unsere kleine Italienerin zu der Pizza?“, fragte Alisa amüsant und biss ein Stückchen ab. „Kein Vergleich zur echten italienischen Pizza, aber gut essbar“, antwortete ich im Ton eines Restaurantkritikers. „Komm, wir probieren ein Saigon-Bier!“, schlug Alisa vor und ich willigte ein. Frisch gekühlt servierte uns eine nette Vietnamesin das Bier. Ich nahm einen Schluck und war vollkommen hin und weg. Es schmeckte fantastisch. „Es wird besser!“, dachte ich mir erleichtert.
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Das klingt nach keinem schönen Urlaub? Ich möchte nur so viel verraten: Es bleibt spannend und nein, ich hatte nicht den schlimmsten Urlaub meines Lebens. Ganz im Gegenteil… Fortsetzung folgt!

XO Maria

 

 

 

2 Kommentare zu „Kurzgeschichten aus Vietnam

  1. Oh ja, das kenne ich zu gut. Ich brauchte auch fast zwei Tage um meinen Kulturschock zu überwinden. Saison ist nicht die beste Stadt zum Urlaubsstart in Vietnam. Ich war letztendlich einen Monat dort und je weiter nördlich ich reiste desto schöner wurde es. Ich bin gespannt auf Deinen nächsten Bericht 😀 Liebe Grüße, Mandy

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    1. Das stimmt! Uns hat es im Norden auch besser gefallen☺️ v.a. die Outdoor-Aktivitäten sollen sehr toll sein!
      Viele Grüße, Maria

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